Funding Funded Projects Formen des Wiedererzählens. Konstanz und Variation aus sprachwissenschaftlicher und psychologischer Perspektive

Formen des Wiedererzählens. Konstanz und Variation aus sprachwissenschaftlicher und psychologischer Perspektive

In einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Linguistik und Psychologie wird die Konstanz und Variation des Wiedererzählens untersucht.

Erzählen und Wiedererzählen stellen konstruktive Leistungen dar, in denen Erlebtes organisiert und interaktiv verhandelt wird, und sind so ein wesentliches Medium zur Bewältigung v.a. von Krisenerfahrungen oder traumatischen Erlebnissen. Das Projekt gilt mündlichen autobiographischen Erzählungen, die von derselben Person in verschiedenen alltagsweltlichen bzw. von unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Interessen geleiteten Kontexten wiederholt vorgebracht werden. In einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Linguistik und Psychologie werden diese Wieder-Erzählungen sprachwissenschaftlich analysiert und psychologisch ausgewertet. Im Fokus sehen Prof. Stefan Pfänder und Prof. Gabriele Lucius-Hoene, Universität Freiburg, dabeiv.a. drei Aspekte: Formulierungs-, Erinnerungs- sowie Bewältigungs- und Identitätsarbeit. Untersuchungsleitend sind Fragen danach, welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede die verschiedenen Erzählversionen aufweisen, wie diese formal beschrieben werden können und wie ihr psychologischer Ertrag für die SprecherInnen ermessen werden kann.
Als gemeinsame Grundlage für die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird zunächst eine Datenbank (Retold Stories Archive: ReStAr) erstellt, die Mehrfacherzählungen samt Transkriptionen relevanter Passagen enthält. Dafür werden erstens spontan entstandene Wiedererzählungen aus umfänglichen, bereits bestehenden Korpora zusammengestellt: nämlich aus Krankheitserzählungen (die im Rahmen von ca. 100 Therapien am Institut für Psychologie der Universität Freiburg oder in anderen psychologisch-medizinischen Projekten audio- oder video-dokumentiert wurden) oder aus Zeitzeugenberichten (wie etwa in einem Projekt „Oral History“ gesammelt, das in sieben Buchpublikationen mit Audio-CDs mehrsprachige Interviews über alte Handwerksberufe, Minderheiten im internationalen Kontext u.Ä. dokumentiert). Für eine systematische Untersuchung mit einem breiten Spektrum an Vergleichsmöglichkeiten sind zudem ergänzende Datenerhebungen in Seniorenwohnheimen erforderlich: Denn gerade in Wiedererzählungen älterer Menschen sind Konstanten – der referierten Geschichte(n) wie der Identitätsverhandlung – mit hoher Präzision zu beobachten. Das Archiv erlaubt den Forschern, Entstehungskontexte und -anlässe, Formen und Funktionen von Mehrfacherzählungen systematisch zu analysieren (wobei die mehrsprachigen Daten auch eine sprachkomparatistische Perspektive ermöglichen). Wofern entsprechende Einwilligungen der ErzählerInnen erlangt werden können, wird das Archiv später auch für eine Nutzung in weiteren Forschungskontexten verfügbar gemacht; ein erster Entwurf der Internetpräsentation findet sich unter www.retold-stories-archive.org.
Zur Analyse der Formulierungsarbeit in den Wiedererzählungen wird u.a. die exakte Sequenzialität der Narrationen in ihrem jeweiligen Situationskontext nachgezeichnet. Im Weiteren fokussiert die Untersuchung v.a. zwei zentrale Verfahren mündlicher Sprachproduktion: Reformulierungen (Paraphrasen, Korrekturen) und Rekurse auf vorgeformte Strukturen (sowohl sozial geteilte, wie z.B. Redewendungen, als auch individuelle Muster, die die Sprecher selbst prägen und – möglicherweise aufgrund ihrer bewährten Wirkung auf die Hörer – wiederverwenden). 
Hierauf aufbauend, werden sodann psychologische Fragen nach der Identitätsmodellierung gestellt und – v.a. mittels sogenannter Positionierungs-Analysen, in denen eruiert wird, wie die ErzählerInnen sich selbst in ihrem Bezug zu anderen oder zu dem Erlebten darstellen – das Bewältigungspotential der Formulierungsleistung auf den Ebenen von Sinnstiftung, Selbstverständigung und Selbstwert herausgearbeitet. Dabei analysieren die Forscher, soweit mit Videomaterial gearbeitet werden kann, auch nonverbale Aspekte der Kommunikation, da schon erste exemplarische Untersuchungen gezeigt haben, dass die Erzählvarianten nur dann zureichend beschreiben werden können, wenn auch Mimik, Gestik und Körperhaltung mit-berücksichtigt werden. Einen eigenen Teil des Projekts bilden zudem methodologische Überlegungen: etwa darüber, auf welchen Ebenen der Vergleich der erzählten Versionen anzusetzen ist oder wie eine vergleichende Analyse mündlicher Narrationen notiert werden kann u.Ä.
Das Projekt baut auf ein breites Spektrum bestehender Forschung auf (zur Kontextabhängigkeit, zum Identitäts- oder Erinnerungsbezug von „Retold Stories“, zur Kategorie der ‚Veränderung’ für die Beschreibung von Erzählvarianten oder aus dem Bereich der narrativen Gerontologie) und will jene Ansätze weiterentwickeln. Als Desiderate bisheriger Forschung lassen sich nennen:  Mehrfacherzählungen in alltagsweltlichen Kontexten sind noch kaum untersucht. Die Bewältigung von Krisen, wenngleich ein umfangreicher Bereich psychologischer Forschung, wird in der Regel durch quantitative Verfahren, weit seltener anhand narrativer Daten verfolgt, und wofern dies geschieht, werden zumeist linguistisch kaum differenzierte Kriterien der Veränderung des Erzählens angesetzt etc.
Das Projekt als Ganzes will a) zur Theoriebildung im Bereich der Erzählforschung und b) zur Nutzung narrativer Rekonstruktionsprozesse in der psychologisch-therapeutischen Praxis beitragen.

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